Mit allem spielen dürfen: Künstlerporträts aus Berlin

12. Dezember 2008 Ricardo von Brasch war Psychoanalytiker, ehe er zu fotografieren begann. In den Texten seines Bildbands "Künstler treffen in Berlin" versucht er das keineswegs zu verbergen; im Gegenteil. Zu Daniel Richter fragt er sich: "Warum malt er derzeit die Zombies in der Nacht?" Zu Birgit Brenner fällt ihm auf: "Da sitzt sie und friert innerlich." Und Jonathan Meese durchschaut er als "lange von der Mutter geliebten puer aeternus, der unbekümmert und ohne Verbote mit allem spielen darf, was ihm erinnerlich ist aus frühen Jahren". Seelenlandschaften sucht er denn auch in den Gesichtern bloßzulegen, wenngleich er sich für die Deutung des Gegenübers bisweilen auch Objekten aus den Ateliers bedient; so bekommen etwa Spiegel, Kerzen oder das Fell eines Rehs in den Kompositionen eine tragende Rolle. Brasch nennt das "Transpersonalen Realismus".

Vier Jahre lang war er für dieses Buch in Berlin und der Umgebung unterwegs, mehr als hundertfünfzig Künstler hat er besucht, darunter Rebecca Horn, Bernhard Heisig und Jannis Kounellis, aber auch viele junge Talente. So entstand über die oft eindringlichen und bisweilen überraschend amüsanten Porträts hinaus ein Kompendium der schöpferischen Energie, die sich längst in Berlin und nicht länger in Köln oder Düsseldorf bündelt.

 

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2008, Nr. 291 / Seite 34

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STILBRUCH vom 13.11.2008

Bildband

Ricardo von Brasch

Mit seinen Schwarz-Weiß-Porträts präsentiert der Fotograf Ricardo von Brasch die zeitgenössische Avantgarde, wie sie noch nie zu sehen war. Er fotografierte seit 2000 Künstler, Sammler und Kunstvermittler in ihren Ateliers, Wohnungen oder an den Orten ihres Wirkens.

Ricardo von Brasch ist von Beruf Psychoanalytiker. Sein zweiter Beruf ist Porträtfotograf. 30 Jahre lang hat er tief in die Seele der Menschen geschaut, dann wollte er nicht mehr. Er tauschte die Klinik gegen die Kamera, zog vom Schwarzwald nach Berlin und fotografierte Künstler. Wie er sie gesehen hat, das zeigt er in seinem ersten Buch.

 

Brasch will tief in die Seelen der Künstler schauen, ihre Bilder analysieren und versucht ihr Inneres nach außen zu stülpen. Den Analytikerblick kann er nicht verlieren.

 

Berlin war ein Magnet für Brasch. Über 5000 Künstler leben hier aus aller Welt. In Berlin treffen, brechen und mischen sich die Trendsetter der zeitgenössischen Kunst. Die Galerienszene ist Anziehungspunkt für Sammler aus aller Welt. Wenn man also bedeutende Künstler fotografieren will, führt kein Weg an Berlin vorbei. Also nahm der selbstbewusste von Brasch Kontakt zu Berühmten und weniger Berühmten auf, gab Therapiestunden, wenn gewünscht, und fotografierte in vier Jahren 160 Künstler.


Wem er geholfen hat, verrät Brasch nicht, aber egal ob der wilde Daniel Richter, die Malerin Cornelia Schleime, der Bildhauer Janis Kounellis oder das Infant Terrible Jonathan Messe, sie ließen sich alle von Brasch fotografieren.

 

Ricardo von Brasch weiss, wie man es macht. Er inszeniert sich ganz selbstbewusst. Sein Buch verkaufte sich während der Premiere bestens und der Spiegelsaal in Clärchens Ballhaus war voll.

 

Autorin: Yvonne von Kalinowsky


www.welt.de/welt_print/article2642275/Berliner-Mischung.html

Berliner Mischung

29. Oktober 2008, 01:52 Uhr

Am Freitag startet in der Hauptstadt die Kunstmesse Art Forum. Ricardo von Brasch hat in den Ateliers die Menschen hinter der Kunst fotografiert. Ein Gesprächüber tote Seelen, Allüren und einen blauen Seehund

Die Welt:

Sind Künstler traurige Menschen, Herr von Brasch?

Ricardo von Brasch:

 

Nein, Künstler sind in ihren Emotionen so verschieden wie alle anderen auch. Sie führen aber oft ein einsames, mönchisches Leben mit vielen Schwierigkeiten. Viele leben von Hartz IV, alle haben Ängste, ob sie ihre Bilder verkaufen können oder nicht. Dadurch, dass sie aus ihrer Seele diese Bilder gebären, sind sie ganz schutzlos der Kritik gegenüber.

Ihre Modelle wirken oft bedrückt, manche sogar verzweifelt.

von Brasch:

Es sind auch sehr fröhliche und klare Bilder dabei, aber natürlich nicht nur. Wissen Sie, wenn ein Pendel in eine Richtung geschwungen hat, bleibt es kurz stehen, bevor es in die andere Richtung schwingt. Das ist der Moment, in dem ich die Künstler fotografiere. Sie haben etwas geschaffen und warten, bis die Kraft und die Ideen zurückkehren.

Daniel Richter schaut besonders niedergeschlagen.

von Brasch:

Der hat eine Zeit lang auch immer diese Zombies in der Nacht gemalt. Seine Frau ist mit ihrer Familie schwer traumatisiert aus den Balkan-Kriegen zurückgekommen, kein Wunder, dass die ganzen toten Seelen, die sie mit zurückgebracht hat, bei diesem Maler auch mit in das Bild hineindrücken. Sie waren einmal Alltag für ihn, und das stellt er hier da.

Er stellt es dar?

von Brasch:

Ja, das war eine sehr heitere Begegnung. Der Meese war auch dabei, und die zwei haben nur Blödsinn gemacht. Pantomimen aufgeführt, wie sie sich gegenseitig die Bilder verkaufen. Sie sind sich dabei gegenseitig sogar an die Gurgel gegangen. Aus Spaß natürlich. Meese spielte den dämlichen Käufer und Richter den völlig verarmten Künstler.

Sie haben den Kunstmarkt parodiert?

von Brasch:

Ja, und dann haben sie mich verarscht, weil ich doch Psychiater war in meinem früheren Leben. Es war herrlich! Ein heiteres Treffen. Aber ich wollte eben eine andere Seite von Daniel Richter zeigen, erklären, was die ganzen toten Seelen auf seinen Bildern sollen.

Und woher kommen die martialischen Posen? Rainer Fetting rammt sich einen Pinsel in die Brust ...

von Brasch:

Fetting hatte gerade den heiligen Sebastian geformt, als ich ihn fotografierte, nachts, innerhalb von vier Stunden, wie die Wilden das so tun. Da fragte ich ihn: Welches war denn der erste Pfeil? Da nahm er den Pinsel und tat ihn auf sein Herz. Verletzen und verletzt werden, das ist oft ein wichtiges Thema bei diesen Menschen.

Eine andere Künstlerin, Stella Hamberg, hält sich eine Pistole vors Gesicht ...

von Brasch:

Stella Hamberg lebt mit einem blauen Seehund zusammen in einer leeren Fabrik.

Nicht im Ernst.

von Brasch:

Doch, sie hat ihn selber gemacht, aber auf meinem Bild greift sie das Thema einer anderen Skulptur auf, es ist ein berühmter, archetypischer Mythos: Der Drache beschützt den Schatz. Und genau das tut sie hier auch: Sie macht sich selbst zum Ziel, um etwas zu beschützen, ein Schatz oder ein Kind etwa.

War es schwierig, die Leute zu überreden?

von Brasch:

Ganz leicht war es nicht: Die Kunst ist aufgeteilt in verschiedene Ligen, und einer aus der zweiten will nicht gemeinsam mit einem aus der dritten auftauchen. Aber das interessiert den Leser doch nicht, der will doch einfach nur sehen, was Berlin hervorbringt an Künstlern. Und Berlin ist wie ein Magnet. Es zieht Künstler von überall an und vermischt sie.

Wo ist die Künstlerdichte am höchsten?

von Brasch:

Es gibt überall Nester. Natürlich lebt jeder gerne in Prenzlauer Berg, aber mittlerweile auch in Friedrichshain, Schöneweide, Wedding oder Charlottenburg, je nachdem, was sie bezahlen können.

Die Künstler kommen also doch nur wegen der niedrigen Mieten.

von Brasch:

Nein! Die Künstler, die hier jeden Tag von irgendwoher ankommen, wissen, hier ist das Zentrum. Es gibt so eine lange Kunsttradition, es gibt alles in allen Sparten.

Was haben Sie getan, damit sich diese Menschen vor Ihrer Kamera öffnen?

von Brasch:

Normalerweise reicht es, ihnen mit Respekt zu begegnen. Man ist ja auf der Suche nach der Einzigartigkeit seines Wesens und seiner Werte. Aber wenn jemand vor dem Objektiv erstarrt, gibt es verschiedene Techniken, um die Situation aufzulockern: Ich setze mich zum Beispiel auf den Boden, dann wirke ich für sie nicht bedrohlich. Oder ich nehme eine alte Kamera wie die Hasselblad. Da guckt man von oben rein, das sieht aus, als würde ich mich verneigen. Oder ich frage sie, was sie als Kinder für Lieder vorgesungen bekamen. Dann erinnern sie sich, denken: oh wie schön! - und das Gesicht entspannt sich. Oder ich geselle ihnen Lebewesen dazu. Klaus Fußmann etwa habe ich gebeten, beide Hände auf die Schultern seiner Nichte zu legen. Er hatte zuerst so ein angespanntes Lächeln auf dem Gesicht, das hat sich dann sofort gelöst, und die Nichte hab ich hinterher weggeschnitten.

Lächeln mögen Sie nicht.

von Brasch:

Doch, aber ich möchte etwas Echtes haben, keine Fassade. Es sei denn, ein Mensch liebt seine Fassade so sehr, dass er sich ohne nicht wohlfühlt, dann lass ich sie ihm, denn der hat ja dann nichts anderes.

Bei wem war das so?

von Brasch:

Das überlasse ich dem Leser. Das sieht er mit einem Blick.

War Eitelkeit oft ein Problem?

Manchmal. Der berühmte Maler Harald Metzkes zum Beispiel hat mich gezwungen, ein Bild zu nehmen, das ich ganz schlecht finde. Ich habe ein wunderschönes von ihm gemacht, es beinhaltet das ganze Geheimnis seines Werkes. Aber seine Familie hat ihm gesagt: Du siehst darauf aus wie der heilige Antonius beim Gesang. Als er daraufhin nicht mehr ins Buch wollte, hab ich ihm gesagt, er könne sich eins aussuchen. Und er hat dieses hundsmiserable Bild genommen, aus meinem Ausschuss. Der Vollständigkeit halber habe ich es dabeibehalten. Aber ich find's grässlich.

Was mögen Sie nicht?

von Brasch:

Es ist verschwommen, es ist unscharf, und er stiert mich an, als hätte ich ihm einen Eisbeutel in den Rücken gelegt. Er will als preußisch-nüchterner Maler dargestellt werden, aber schauen Sie sich seine Bilder an. Der ist weder preußisch noch nüchtern.

Wer war das beste Modell?

von Brasch:

Das ist ganz anders als in der Mode natürlich. Es ist eine Frage der Chemie. Roman Lipski zum Beispiel war ein tolles Modell. Seine vier Großeltern sind alle von den Russen bestialisch umgebracht worden, und auf meinem Bild steht er in den dunklen Wäldern Danzigs ...

... vor einer Leinwand, auf die er Bäume gemalt hat ...

von Brasch:

... und spricht mit den Toten. Und als ich dieses, sein Geheimnis begriffen habe, war er ein wundervolles Modell.

Wem würden Sie gerne Modell stehen?

von Brasch:

Barbara Klemm. Die erzählt auch Geschichten. Kein Wunder: Ihr Mann war Psychoanalytiker, ihr Vater Maler.

Ihr Buch heißt "Künstler treffen in Berlin", aber sie haben nicht nur Künstler fotografiert. Judy Lybke ist Galerist ...

von Brasch:

Er war immerhin Statist in einem Theater, also auch ein Künstler. Nein, vor allem ist er unglaublich agil und hat einen tollen Riecher. Das ist eine große Kunst.

Woran erkennt man einen echten Künstler?

von Brasch:

Das fragt sich jeder. Wer kann was, wer bleibt, wer taugt nichts? Aber letztlich zählt nur eins: Wenn ein Kunstwerk in Ihnen etwas zum Schwingen bringt, dann wissen Sie, das ist echt. Wenn nichts schwingt, dann ist es leer.

Steckt ein wahrer Kern in dem Klischee vom Künstler als verrücktem Genie?

von Brasch:

Nein, verrückte Genies gibt es nicht. Es gibt nur Leute, die irgendwann Allüren bekommen. Und es sind die Sammler, die sie zu diesen Wracks machen. Es mag ja ehrenhafte und bescheidene Sammler geben, die Kunst erhalten. Aber es gibt eine große Schar von sogenannten Frühgestörten.

Wie bitte?

von Brasch:

Frühgestörte sind Menschen, die als Kind zu wenig Zuwendung bekommen haben. Die sind von einem Wurm bewohnt. Der guckt aus dem Mund und schluckt alles, was zu schlucken geht. Sie reißen den Künstlern die Kunst von der Staffelei, weil sie selber leer sind. Sie müssen sich immer wieder füllen mit dem Blut der jungen Künstler wie Vampire. Das heißt, wenn einer endlich ein Bild gebären konnte, dann kommt dieser Vampir und frisst es auf, und der Künstler soll sofort ein neues machen. Aber wie soll das gehen? Er kann sich nur irgendwann wiederholen, oder er wird depressiv. Oder leer. Oder hypertroph.

Hypertroph?

von Brasch:

Er fängt an zu spinnen.

Aber es gibt zumindest die Künstler, die mit dem Klischee spielen - womit wir wieder bei Meese wären.

von Brasch:

Der spielt nicht, der macht was ganz anderes. Er ist ein Meister der Groteske. Ich dachte erst: Gott noch mal, zu dem gehst du bloß nicht hin, das wird ja furchtbar, mit so einem anal- und sexualfixierten Nimmersatt. Und dann war ich dort und habe einen reizenden, gebildeten, unglaublich vielseitigen und angenehmen Menschen kennengelernt. Er hat aber die Fähigkeit zu spielen. Er bringt all das auf die Leinwand, womit Sie und ich nicht spielen durften. Und Leute, die ebenfalls nicht spielen durften, kaufen das. So einfach ist das.

Was ist das Besondere am Künstlerfotografieren?

von Brasch:

Im Gegensatz zu anderen Menschen können Künstler den seelischen Facetten ihres Wesens Gestalt verleihen. Und das finde ich so toll. Bei den meisten Menschen wissen Sie ja nie, welche Schätze der in sich trägt. Mich langweilt es, nur die Leistungswelt zu fotografieren, Manager mit ihren kalten Augen, die habe ich lange geschult und trainiert. Kinder, kluge Frauen oder Künstler sind mir lieber.

Wer fehlt in Ihrem Buch?

von Brasch:

Cy Twombly! Das ist mein großer Traum, das ist so, wie wenn Sie als Jäger einen 24-Ender schießen dürften. Der schönste Hirsch Europas! Jeder, der mir hilft, den zu kriegen, kriegt eine Belohnung.

Ricardo von Brasch (Jahrgang 1946) war 30 Jahre lang Psychiater und Psychoanalytiker, bevor er begann, Menschen zu fotografieren. Sein Buch "Künstler treffen in Berlin" erscheint im Prestel Verlag (192 Seiten, 39,95 Euro).

Das Gespräch führte Elisalex Clary

 


http://www.morgenpost.de/printarchiv/biz/article964695/Berlin_ist_ein_Magnet.html